1. Im Hafen

Der Obergefreite Volker Richter hatte ein ungutes Gefühl. Seine Kompanie sollte mit der ganzen Brigade auf 12 große Transportschiffe verladen werden. Panzergrenadiere auf dem Wasser? "Wenn ich aufs Wasser gewollt hätte, wäre ich zur Marine gegangen." knurrte er zu seinem besten Kumpel und Zimmergenossen Martin Heidenreich. "Und guck' dir nur mal die Amis an. Denen passt das überhaupt nicht, uns die dicken Pötte für die nächsten zwei Wochen zu überlassen. Was die alles für Regeln aufgestellt haben, hier nichts anfassen, dort nur nach Nachfrage und und.", "Als wenn wir Spielzeugsoldaten wären." pflichtete Martin ihm bei. Für die beiden Aufkärungspezialisten gab es hier im großen Hafen von Wilhelmshaven nicht viel zu tun. Sie warteten mehr oder weniger ungeduldig auf das Zeichen des Kompaniefeldwebels, das ihr Zug mit der Einschiffung dran wäre. Überall stand schweres Kriegsgerät zur Verladung bereit, schwere Panzerhaubitzen der neuesten Bauart, die modernen Leopard 2B1 Kampfpanzer neben den Schützenpanzern "Puma" und gewaltigen LKW und Pionierfahrzeugen, deren Sinn sich den beiden Soldaten auf den ersten Blick nicht erschloss. Sie waren Teil des ersten Großmanövers der Bundeswehr, bei dem die Invasion einer fremden Küste geübt werden sollte.

In den vergangenen Jahren hatte sich der Auftrag der Bundeswehr entscheidend geändert. War die Armee in den ersten 40 Jahren ihres Bestehens eine reine Verteidigungsarmee mit beschränkten offensiven Fähigkeiten, die die deutschen Grenzen verteidigen sollte, hatte sie nun im Auftrag der NATO, der EU und der UNO weltweit für Frieden zu sorgen oder ihn notfalls mit Gewalt zu erzwingen. Dementsprechend wurde in den letzten 15 Jahren die Ausrüstung im Hinblick auf leichte Verlegbarkeit und größere Offensivkraft geändert. Nachdem die EU im Jahre 2001 beschlossen hatte, eine eigene Friedenstruppe aufzustellen, hatte die Bundeswehr den Zuschlag für die Aufstellung von drei schnellen Division mit jeweils drei Brigaden samt Unterstützungstruppen bekommen. Das diesjährige Manöver "Fall Avalon" war auf die mögliche Landung einer dieser neuen, verstärkten Brigade an einer fremden Küste ausgelegt. Im Rahmen dieser Übung sollten die Soldaten an der Küste Englands anlanden und somit die Befriedung eines Landes vom Wasser aus proben. Dieser erste Einsatz der neuaufgestellten schnellen Panzer-Eingreifbrigade 31, zusammen mit einem unterstellten Flugabwehrregiment und einem speziell ausgerüsteten Pionierbataillon versetzte die gesamte Bundeswehr in kollektive Unruhe, hing doch von dem erfolgreichen Test die weitere Finanzierung der schnellen Eingreiftruppe durch die Europäische Union ab. Die französischen Streitkräfte, die sich ebenfalls für diese Aufgabe beworben hatten, beobachteten Argwöhnisch jeden einzelnen Übungspunkt, um im Falle des Falles als triumphierende Alternative bereit zu stehen. Die Soldaten dieser Brigade waren ausschließlich längerdienende Zeit- bzw. Berufssoldaten, die alle eine ausgiebige Spezialausbildung hinter sich hatten. So auch Volker Richter und Martin Heidenreich vom Nachrichtenzug der Stabskompanie der Brigade. Ihre Aufgabe war die Aufklärung des Feindes, wenn es sei musste auch in Sonderaktionen oder als bewaffneter Spähtrupp. Im Moment konnte man es den gammelnden Soldaten nicht ansehen, aber im Einsatz standen sie den Spezialtruppen der SAS oder der KSK in nichts nach.

"Ich hab' bei der Sache kein gutes Gefühl," murmelte der kräftig gebaute, aber doch wendig wirkende Richter vor sich hin, "Panzer und Wasser, das passt einfach nicht.". "Mensch Volker, nur weil du Wasserscheu bist und bei der Tauchübung fast ersoffen wärst, brauchst du doch jetzt nicht so schwarz zu sehen." entgegnete der etwas kleinere und quirlige Heidenreich. "Was heißt hier fast ertrunken? Die Marineaffen haben mir einen defekte Flasche gegeben!" fuhr Richter ihn an, "Ich hab' noch Glück gehabt, das ich das gemerkt habe und schnell aufgetaucht bin, sonst wäre ich jetzt auf der anderen Seite.". Heidenreich lachte jetzt laut auf, "Defekte Flasche, ja ne, schon klar. Du hat einfach unter Wasser Panik bekommen. Und jetzt bist du immer noch der einzige im ganzen Zug, der das Kampfschwimmerabzeichen nicht hat.". "Dafür bin ich der beste Scharfschütze in der gesamten Brigade. Jeder muss halt sehen, das er seine besonderen Stärken einbringt.", versuchte jetzt Richter die Situation zu retten, als sich der Spieß endlich dem Bereich des Zuges zu wandte und mit seiner Kasernenhof erprobten Stimme lauter als eigentlich notwendig den Aufklärungszug aufforderte an Bord des Schiffes zu gehen.

Die großen, amerikanischen Panzerlandungsschiffe mit ihren über 130 Metern Länge waren sehr beeindruckend. Mit über 3.000 Tonnen Ladekapazität waren sie in der Lage, fast 50 Leopardpanzer zu transportieren. Die US Navy hatte der Bundesmarine 12 dieser Riesenschiffe zur Verfügung gestellt, um dieses Manöver durchzuführen. Obwohl der Laderaum gigantisch war, reichte er gerade mal so um die gesamte Ausrüstung der schweren Brigade zu transportieren, sah doch das Szenario die komplette Selbstversorgung der eingesetzten Einheiten über einen längeren Zeitraum vor.
Um eine möglichst große Realität zu erreichen, wurde sogar scharfe Munition aus den in ganz Deutschland verteilten Depots hier in Wilhelmshaven auf drei Munitionstransportschiffe verladen. An alles hatten die Planer bei der Ausrüstung dieses Einsatzes gedacht, ein Feldlazarett fehlte ebensowenig, wie ein komplettes Feldpostamt und sogar ein mobiler IT-Trupp zur Wartung der Computer war dabei.

Nachdem das schwere Gerät der Stabskompanie verstaut war, musste jetzt die Kompanietruppen sehen, das sie zwischen dem ganzen Gerät noch einen Platz für sich und ihre Ausrüstung fanden.  Auf dem dritten Deck wurden die Soldaten dann schließlich fündig. Hier standen die fünf nagelneuen Boxer GTK Mannschaftstransportwagen der Kompanie, die kurz vor dem Manöver die alten M113 abgelöst hatten. Da keiner damit rechnete, dass sich jemand an den Fahrzeugen zu schaffen machen würde, waren sie sämtlich offen und luden die Kameraden geradezu ein, es sich in dem Führungsfahrzeug, dessen Modul mit mehreren Liegen ausgestattet war, gemütlich einzurichten. Da sie jetzt aus den Augen des Spießes verschwunden waren, fragte auch keiner mehr nach, wo denn wohl der Aufklärungszug ab geblieben sein mochte.

Draußen wurden die Geräusche, die durch die Verladetätigkeiten entstanden, langsam weniger und schließlich legte sich ein Tuch der Stille über den riesigen Frachtraum. Außer der nervtötenden Spielmusik aus Richters Handy und dem leisen Schnarchen Heidenreichs waren kaum noch Geräusche in dem großen Fahrzeug zu hören. Vorne im Fahrerbereich hatten es sich zwei weitere Kameraden gemütlich gemacht, die auf einem kleinen Netbook einen aktuellen Spielfilm sahen, und sich dabei über die realitätsferne der Kampfszenen dieses Films ausließen.

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